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Mehr als 13 Jahre „rumgepücklert“ – Ein Interview zum Abschied von Claudius Wecke

Woher kommt dein Interesse für Landschaftsarchitektur und historische Gartenanlagen?

Claudius Wecke: Naturverbunden war ich immer schon, denn ich bin umgeben von Landschaft und Natur auf einem Drei-Seiten-Hof aufgewachsen. Als Kind habe ich mein eigenes kleines Gärtchen auf etwa zehn Quadratmetern gepflegt, das ich mit Stauden und Gemüse beackert habe.
Das Kreative kam über das Musikmachen. Aber Musik professionell zu machen, war nicht das Richtige. Was dann? Da kam ich auf Landschaftsarchitektur.

Mein Interesse für historische Gärten ist dann im Studium gewachsen. Bei moderner Landschaftsarchitektur macht man viele Entwürfe für die Schublade, wenn z.B. bei Wettbewerben nur der Erstplatzierte umgesetzt wird. Diese verschenkte Energie hat mich gestört, denn gleichzeitig gibt es so viele bestehende Anlagen, die wenig Wertschätzung erfahren, ungepflegt vor sich hindümpeln, aber eine bedeutende Geschichte und Gestaltung besitzen. So hat mich das gartendenkmalpflegerische Thema frühzeitig im Studium gepackt. Das ist es, da wird meine Arbeit gebraucht, da kann man versuchen, etwas zu bewegen und Geschichte zu bewahren. So habe mich im Hauptstudium fokussiert mit Gartendenkmalpflege beschäftigt und mein Diplom über den Schlosspark Brody auch über ein Thema aus meiner Lausitzer Heimat gemacht.

Porträt von Claudius Wecke, Fachbereichsleiter Park & Gartendenkmalpflege SFPM
Claudius Wecke, Fachbereichsleiter Park & Gartendenkmalpflege verlässt den Branitzer Park zu Ende September 2021 © Florian Bröcker

Nachdem dem Studium der Landschaftsarchitektur warst du für ein dreiviertel Jahr Volontär in Bad Muskau und bist dann, gerade 26 Jahre alt, Parkleiter in Branitz geworden. Erinnerst du dich noch an deinen ersten Arbeitstag hier?

Claudius Wecke: Ich kam aus Dresden und hatte die Entfernung etwas unterschätzt. So musste ich meinen Kleinwagen auf der Autobahn an seine Grenzen bringen, um Gott sei Dank tatsächlich noch auf Punkt zur verabredeten Zeit anzukommen. Dort wartete einer meiner neuen Kollegen der Branitzer Stiftung, der mich durch die Fachbereiche und den Park geführt hat. Dann stand ich bei den Gärtnern und in diesem Moment kam im Radio die Meldung, dass der „Neue“ in Branitz angefangen hat. Alle hörten zu und ich wunderte mich, was das für eine Aufmerksamkeit bekam.
Die Gärtner haben mich beäugt und sich gefragt, was der junge Spund jetzt hier macht? Einer der Gärtner sagte zu mir: „Sie sind jetzt mein dritter Parkleiter in zehn Jahren. So lange werden Sie ja wahrscheinlich nicht bleiben…“ Er sollte sich irren. [lacht]. Über die Jahre sind wir eine eingeschworene Einheit geworden.

 

Die Liste der vollendeten Projekte, die du im Branitzer Park angestoßen hast, ist lang. Was war für dich das wichtigste und besonderste Projekt bei deiner Arbeit im Branitzer Park?

Claudius Wecke: Gar nicht leicht zu sagen, aber vermutlich die Arbeiten in der Pyramidenebene. Ganz obenan die Seepyramide, die Landpyramide und der Hermannsberg. Diese Vorhaben waren unwahrscheinlich spannend und herausfordernd.
Aber ich denke auch an solch schöne Themen wie die Baumuniversität. Und jetzt zum Jubiläum „175 Jahre Branitzer Park“ zudem noch der Rehgarten, viele, viele Parkwege und besonders auch meine Dissertation über „Park und Schloss Branitz nach Fürst Pückler“. Das ist sehr schön und erleichternd, dass das alles geklappt hat.

 

Was macht der Branitzer Park für dich aus?

Claudius Wecke: Ganz persönlich wird der Park immer ein ganz wichtiger Teil im meinem Leben sein und bleiben. Ich habe hier so viele Chancen bekommen und ich weiß es immer noch sehr zu schätzen, dass man mir als jungem Menschen damals die Möglichkeit gegeben hat, diese Stelle zu übernehmen. Hätte ich entscheiden müssen, vermutlich hätte ich mich nicht eingestellt, weil ich gedacht hätte, der ist zu jung, der muss noch ein paar Erfahrungen machen. Es sollte anders kommen.
Den Branitzer Park sehe ich als eine Sternstunde der Landschaftsgestaltung. Ich kenne kaum eine Anlage dieser gartenkünstlerischen Qualität. Der Park reiht sich nahtlos in die Liste der bedeutendsten landschaftlichen Anlagen der Gartengeschichte ein.

 

Wie hat Pückler dich fasziniert und vielleicht auch geprägt?

Claudius Wecke: Ich finde es absolut faszinierend, wie ein Mensch derart vielgestaltig seine Meinungen geäußert hat, die von zeitloser Bedeutung sind. Dabei ist Pückler ja gleichzeitig eine ambivalente Figur und man kann sich manchmal auch schwertun mit ihm.
Aber wie er sich zum Beispiel zu Themen wie Toleranz oder zur aktiven Sterbehilfe geäußert hat, das ist überaus anregend. Ich habe an diesen Stellen viel Ehrfurcht gewonnen, ohne jetzt in ungesunde Demut zu verfallen, sondern: Wow, toller Chef!
Aber wenn man jetzt wie ich dreizehn Jahre „rumgepücklert“ hat, dann muss man vielleicht auch etwas vorsichtig sein, nicht in einen Personenkult zu verfallen. Das war für mich auch ein Beweggrund, um mich noch einmal zu verändern und den eigenen Horizont zu erweitern.

 

 Hast du einen Lieblingsort im Branitzer Park?

Claudius Wecke: Das ist von der Tageszeit, von der Stimmung, vom Licht, vom Wind oder vom Rauschen der Blätter abhängig. Es gibt immer wieder Momente, Parkorte, wo man andächtig stehenbleibt, weil es gerade in diesem Augenblick besonders schön dort ist. Deshalb habe nicht DEN Ort. Aber es zieht mich natürlich an manche Stellen besonders. Zum Beispiel sitze ich immer wieder gern auf dem Hermannsberg.

 

Welche historische Gartenanlage hat dich bisher am meisten beeindruckt?

Claudius Wecke: Es gibt ein paar wunderbare englische Anlagen, die ich sehr lieben gelernt habe:
Fountains Abbey, Studley Royal, Painshill oder Rousham House & Gardens finde ich zauberhaft. Aber die Liste kann unendlich weitergeführt werden.
Wir müssen uns in Deutschland mit unseren Anlagen nicht verstecken. Es gibt so viele kleine, zauberhafte Anlagen, auch weniger bekannte, wie zum Beispiel das Seifersdorfer Tal mit seiner sentimentalen Gestaltung oder der Schlosspark Gotha mit seinem Orangerieparterre.
Besonders für die kleinen, weniger bekannten und versteckten Anlagen, die Charme, aber Pflegedefizite haben, kann ich mich begeistern. An diesen Orten ist es nicht weit zum Parkseminarthema, das mir so nah ist: mit Ehrenamtlichen praktisch in den Gärten zu arbeiten und Gartenthemen zu vermitteln. Abseits von Millioneninvestitionen und großer Politik, sondern aus der gesellschaftlichen Mitte gewachsen.

Ich habe selber etwas gestaunt und zusammengezählt: 15 große Parkseminare durfte ich bisher organisieren und leiten. Da waren wirklich große Vorhaben dabei, bei denen bis zu 350 Leute an einem Wochenende teilgenommen haben. Ich finde es besonders spannend, wie an Parkseminaren unser gartendenkmalpflegerischer Auftrag des „Erforschens, Bewahrens, Vermittelns“ so wunderbar umsetzbar ist.
Es macht mir Freude, die Leute für diese Orte zu begeistern. Das habe ich mir für Sachsen auch vorgenommen. Wie das klappt, weiß ich noch nicht. Dem Thema bleibe ich auf alle Fälle treu, weil ich Parkseminaren auch so viel zu verdanken habe.

 

Gärtnerst du auch privat?

Claudius Wecke: Ja, ich kann dir was zeigen, dass du es mir auch glaubst! Schau mal [Claudius Wecke zeigt Fotos auf seinem Handy], ich habe mit meiner Frau einen eigenen Garten angelegt auf 1500 Quadratmetern, parkartig natürlich und sogar mit eigenem „Gotischen Fenster“. Pückler hat hier etwas abgefärbt [lacht].

 

Ab 1. Oktober 2021 wechselst du beruflich nach Dresden, wo du die Leitung der Gärtenabteilung bei den Staatlichen Schlössern, Burgen und Gärten Sachsen gGmbH übernimmst.

Claudius Wecke: Viele Branitz-Projekte, die schon lange in der Bearbeitung waren, wie Projekte mit dem Team, mit Partnern, oder meine Dissertation, konnten gerade eben erst rechtzeitig im 175. Jubiläumsjahr des Parks zu Ende gebracht werden. Das ist ein idealer Augenblick für mich, um etwas Neues zu beginnen und mich einer neuen Herausforderung zu stellen. Die sächsische Gartenkunst beschäftigt und interessiert mich seit meinem Studium, insofern fühlt sich der Schritt nach Dresden sehr harmonisch an.

 

Lässt du etwas mit Bedauern zurück, etwas, was du gern in Branitz noch angepackt hättest? 

 Claudius Wecke: Nein, es bleibt ausschließlich die Freude über alles, was ich mit meinem Gärtnerteam und Mitstreitern erleben und mitgestalten durfte. Besonders freue ich mich über ein nachhaltiges Vorhaben wie die Baumuniversität, das seit 2011 so einen schönen Weg genommen hat und noch in ganz anderen Maßstäben in Zukunft nehmen wird.

 

Was wünschst du deinem Nachfolger oder deiner Nachfolgerin?

Claudius Wecke: Meiner Nachfolge gebe ich die allerbesten Wünsche mit auf den Weg. Für den Anfang auf alle Fälle starke Nerven und auf lange Sicht Beharrlichkeit, Freude und maximalen Erfolg bei der Arbeit, gemeinsam mit einem wunderbaren Gärtnerteam. Ich freue mich schon auf den regelmäßigen Austausch, beispielsweise in der Fachgruppe Gärten der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schlösserverwaltungen, wo wir uns mindestens zweimal im Jahr sehen werden.

 

Gibt es etwas, was du dem Gärtnerteam zurufst?

Claudius Wecke: Bleibt so, wie ihr seid! Haltet weiterhin so gut zusammen! Und bleibt auch in Zukunft so motiviert und mit Liebe bei der Parkarbeit!

 

 

Das Interview mit Claudius Wecke führte Catrin Winn-Janetz

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